Vorbemerkung für jetzt und später:
Das Interview mit Lorenz animiert mich dazu, doch etwas mehr aus meinen bisherigen Texten und Notizen über Weblogs zu veröffentlichen. Was meine Fragestellungen an das Thema angeht, bleibe ich bloggend am Thema Weblogs dran (hier und da). Es folgt (wahrscheinlich) etwas zum Thema Field Blogs.

Mehr Öffentlichkeit für die ethnologische Perspektive

“Do you gnash your teeth at news stories about African “tribalism” or how some recently discovered gene “explains” human sexuality? Tired of yelling at the TV set? Newspapers won’t print your letters to the editor?” (Friedman 2004)

Viele Ethnologen haben ein Problem mit “den Medien”, jenen klassischen Medien wie TV und Print, die ihre Geschichten selbst bestimmen und aufgreifen. Ethnologische Themen finden dort selten statt. Viele der Gatekeeper versperren den Weg für komplexe Themen und Darstellungen. Gerade ethnologisch relevante Themen wie etwa die Auslandsberichterstattung leiden darunter. Kritikpunkte sind “(…) mangelnde Nachhaltigkeit, die Sprunghaftigkeit des Interesses, fehlende Zusammenhänge und der zum Teil verengte Blick auf die Weltkarte.” (Cipittelli 2002) “Krisenhopping” (Franzke 2002) ist das Kennzeichen der Berichterstattung, die dem Zuschauer ferne Ereignisse und Kulturen näher bringen will. Aber auch bei der Berichterstattung über “die Fremden” im Inland ist die Rolle der Massenmedien nicht zu unterschätzen, etwa bei Verfestigung rassistischer Haltungen in der Gesellschaft (vgl. Jäger & Link 1993: 12)
Um die Anerkennung der journalistischen Gatekeeper jedoch “(…) kann man nicht buhlen. Sie kommt oder kommt nicht”, meint Karl-Heinz Kohl (1999: 47), der die Ethnologie nicht für ein kurzes Interview auf einem TV-Sender prostituiert sehen will. Ethnologen schreiben lieber für einen kleinen Kreis von Fachkollegen (ebd.: 45), stellt er fest und in der Formulierung klingt zwischen den Zeilen mit, das sei wohl gut so. Kohl vertraut darauf, dass bei Bedarf der Journalist auf den Ethnologen zukommt, um sich fachliche Informationen einzuholen: “Als professionelle Wissensvermittler wissen Journalisten sehr wohl, was eine Nachricht wert ist und was nicht.” (ebd.: 47) Dies ist aber eher eine verklärende Idealvorstellung, denn gleich im nächsten Satz schreibt Kohl selbst: “Notwendig folgen sie dabei freilich den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, denen auch der Medienmarkt unterliegt.” (ebd.)
Hans Fischer hingegen weiß gar nicht, was Ethnologen in den Medien wollen (Fischer 1999: 43). Er weiß dafür von seinem Ärger über die Medien zu berichten, dem auf persönlichen Erfahrungen beruhenden und jenem Ärger, der einen packt, wenn man am Kiosk Printmedien in die Hand bekommt “(…) die zur Hälfte mit Schrott angefüllt sind” (ebd.: 42). Eine Beschäftigung mit der Frage nach “Ethnologie in den Medien” führt ihn nur zu Reflexion über das Fach (ebd.: 44).
Dorle Dracklé entgegnet solch einer Ansicht: “Ethnologie ist nach wie vor weitgehend unbekannt, praxisrelevante Erkenntnisfelder werden in der Regel anderen Fächern zugeordnet. Um diesem Problem zu begegnen, genügt es nicht mehr, sich in in einem ewig währenden Prozeß ständig selbst zu befragen, was denn die Ethnologie eigentlich genau sei.” (1999: 278) Wir finden in den Ansichten von Kohl und Fischer jedoch die Angst davor, nicht ernst genommen zu werden (weil man zuerst betteln muss, um gehört zu werden) und davor, dass die komplexen Themen eines Faches, das in vielerlei Hinsicht noch mit sich selbst streitet, überhaupt nicht vermittelbar sind in einem typischerweise begrenzten Medienformat (wie beispielsweise einer politischen Talkshow).
Bisher bestand der praxisorientierte Ansatz der Medienethnologie darin, durch die Ausbildung der Ethnologen zu guten Kommunikatoren (mit einem medien- und kommunikationswissenschaftlichen Hintergrund), die Massenmedien in gewisser Weise zu infiltrieren. Susan Allen forderte den “Anthropologist as Media Anthropologist”:

“People who can communicate through media channels are amoung the most powerful forces on the planet (…). anthropologists — media anthropologists — can, and should, be included among this group. Who except media communicators have the channels, the skills, and, thus, also the choice of ‘writing us into the system’ (…)?” (1994: 145)

Die Dringlichkeit ihrer Forderung ergab sich durch die Erkenntnis, dass der Journalismus “(…) a conspicuously narrow vision” von Menschen und der Welt präsentiert, wodurch eine informierte und partizipierende Öffentlichkeit verhindert wird (ebd.: 146). Um dies zu verändern müssten Medienethnologen die ethnologischen Perspektiven einbringen “(…) through the selection of more diverse and broadly focused materials and, also, by reflecting larger contexts within the content of specific stories.” (ebd.: 147) Diese Perspektive sollte für Allen idealerweise holistischer und mehr auf Beziehungen gerichtet sein. Hypertext stellte für sie ein Beispiel dafür dar, wie Handlungen und Ereignisse nicht nur linear (Anfang, Mitte, Ende), sondern auch in die Tiefe gehend beschrieben werden können (Kontexte verknüpfen, Details besser einbeziehen). (ebd.: 157).
Eine umfassende Durchdringung der Medien durch gut ausgebildete Medienethnologen blieb jedoch offensichtlich bis heute aus. Hans Fischer stellt die rethorische Frage:

“Was wollen wir eigentlich in den Medien? Diese Gesellschaft bezahlt uns, zweifellos. Aber sind wir verpflichtet, ihr deshalb auf dem Kopf stehend Akkordeon vorzuspielen [sic]?” (1999: 43)

Gewiß sind Ethnologen dazu nicht verpflichtet, aber die weitgefächerte Themenvielfalt der Ethnologie kann sicher auch zu gesellschaftlichen Diskursen beitragen. Zu einer ganzen Reihe von Themen, bei denen sich über die Massenmedien vermittelt auch eine öffentliche Meinung herausbildet, hätte die Ethnologie durchaus etwas beizutragen: Zu Multikulturalität, Migration und Integration, zur Debatte um sogenannte “Parallelgesellschaften” und “Leitkultur”, zum Bild des Fremden in den Medien, zu Themen über andere Länder und Kulturen, zu dem durch die Massenmedien verstärkten “Kampf der Kulturen” (Huntington 1996). Bietet nicht gerade die heutige politische Weltlage genug Anlass dafür, die von Susan Allen geforderte ethnologische, tiefere und umfassendere Perspektive zu vermitteln? Über den Folterskandal von Abu Ghraib schrieb der Ethnologe Thomas Hauschild in der Frankfurter Rundschau:

“Die schrecklichen Bilder aus Irak haben einen Sinn, der endlich gelesen werden muss. (…) Es ist nur der erschreckenden ethnologischen und soziologischen Unbildung unserer Zeit zuzuschreiben, dass die seltsamen Exzesse und Bildbotschaften der Folterer nicht unmittelbar in ihrem Sinnzusammenhang gelesen wurden. (…) Die eigentliche Ethnographie von Al Quaeda haben wir den Aufsehern in Guantanamo überlassen. Nun müssen wir die Konsequenzen des hilflosen sexualisierten folklorischen Rassismus ertragen, wie er nun mal unter Laien überliefert wird. Die Spezialisten für das Studium der Kulturen wollten ja auch nach der postmodernen Kritik der siebziger und achtziger Jahre mit den weltstrategischen Niederungen nichts zu tun haben.” (2004)

Eine Ethnographie von Al Quaeda liefert auch Hauschild in diesem Artikel nicht. Aber er ermöglicht Fragestellungen danach, warum die Nachricht über Abu Ghraib und jene über Al Quaeda so schnell und weltweit als Medienereignisse verbreitet werden, dass (wie Susan Allen anmerkte) nur der schmale Blickwinkel übrigbleibt.
Machtprozesse schlagen sich in einer von Medien geprägten Gesellschaft ganz besonders in Medienereignissen und den Reaktionen darauf nieder (Dracklé 1999: 266). Wenn es Ethnologen aufgrund mangelhafter Öffentlichkeitsarbeit oder nicht formatgerechter Inhalte misslingt, die eigenen zeitgemäßen und gesellschaftsrelevanten Themen in die Medien einzubringen, dann bleibt immer noch die Möglichkeit der Reaktion auf die durch Massenmedien vermittelten Meinungen, Diskurse und politischen Debatten. Diese Option könnten engagierte, an gesellschaftlicher und politischer Debatte interessierte Ethnologen mittels der Weblogtechnik umsetzen. Man kann so nicht nur an bestehenden Diskursen teilnehmen, sondern ist auch in der Lage, ein eigenes Thema zu setzen. Viele Wissenschaftler anderer Disziplinen in den USA gehen bereits diesen Weg, dem mehr und mehr Anthropolgen folgen. Manchmal mit großem Erfolg, wie sich am Beispiel des Blog “Informed Comment” von Juan Cole sehen lässt. Die deutsche Blogosphäre ist erst auf dem Weg, an amerikanischen oder iranischen Entwicklungen anzuschliessen. Das MENAlog des Nahost- und Islamwissenschaftlers Henner Kirchner ist eines der ersten deutschen Blogs, das “kommentare und analysen zur entwicklung im nahen und mittleren osten” publiziert und damit ein ethnologisch relevantes Thema besetzt. Die Spannbreite reicht von Buchrezensionen bis zu tiefgehender Analyse aktueller Entwicklungen in der Region. Es ist aber illusorisch anzunehmen, dass durch das Publizieren eines Weblog Automatismen entstehen Themen in die Öffentlichkeit zu bringen.. Das Potenzial andererseits ist unverkennbar.
Aber es müssen nicht immer die großen Themen sein und bloggen heisst in erster Linie, eine Gemeinschaft aufzubauen und sich untereinander mit den eigenen Standpunkten auszutauschen. Thematisch gibt es keine Beschränkungen und auch die Furcht davor, ein Thema verkürzt darstellen zu müssen, entfällt. Internetnutzer suchen ja gerade die Hintergrundinformationen, die klassische Medien nicht bieten. Die Ethnologie sollte die Chance des Graswurzel-Publizierens ergreifen und anstatt sich in das System schreiben zu lassen, selbst in das System schreiben.

Literatur:
(in der Reihenfolge der Zitatabfolge)

Friedman, P.K. 2004. “Welcome to the Blogsphere: Stop Yelling At the Tv and Get Online!”. Anthropology News 45 (6): 25.

Cippitelli, C. 2002. Ausland im deutschen Fernsehen: Nur Krisen, Kriege und Katastrophen? Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik 13.07.2002. http://www.gep.de/gep-info_3366.htm

Franzke, M. 2002. Krisenhopping statt Kontinuität. Zeitschrift für Kulturaustausch 2002 (1): 12-17.

Jäger, S. & Link, J. 1993. Die vierte Gewalt. Rassismus und die Medien. Einleitung. In Dies. (Hg.), Die vierte Gewalt. Rassismus und die Medien. Duisburg: DISS.

Kohl, K.H. 1999. Um Anerkennung kann man nicht buhlen. In Presserat der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (Hg.), Die Media-morphose der Ethnologie. Heidelberg: Institut für Ethnologie, pp. 45-47.

Fischer, H. 1999. Das Heil in den Medien. In Presserat der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (Hg.), Die Media-morphose der Ethnologie. Heidelberg: Institut für Ethnologie, pp. 42-44.

Dracklé, D. 1999. Medienethnologie: Eine Option auf die Zukunft. In D. Dracklé & W. Kokot (Hg.), Wozu Ethnologie? Berlin: Reimer, pp. 261-290.

Allen, S. 1994. The Anthropologist as Media Anthropologist. In dies. (ed.), Media Anthropology: Informing Global Citizens. Westport: Bergin & Garvey, pp. 145-159.

Huntington, S.P. 1996. Kampf der Kulturen. München: Europa Verlag.

Hauschild, T. 2004. Das Wissen der Folterer. Frankfurter Rundschau online 17.05.2004.
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=438999

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