Vinyl stinkt

8. November 2006

Datensammlung seit der MA durch beobachtende Teilnahme: Auflegerkreise und Abgrenzung ad Extremum

Ich bin kein DJ weil ich mit CDs auflege. Bezweifele ernsthaft ob mir das schlaflose Nächte bereitet, zumal ich mich ja selbst sowieso nur Aufleger nenne. Aber ohne Zweifel kenne ich Leute die sich grämen würden, würden sie mit dieser Anklage konfrontiert. Leute für die es wichtiger ist (behaupte ich mal polemisch) vom abschätzenden Konsumentenauge mit der Hand an der Platte bzw. mit dem Herzen in der Rille gesehen zu werden als Leute zu unterhalten. Leute die ihren Sinn just in diesem Moment darin sehen ihr Repertoire durch die Tätigkeit und deren monetäre Anerkennung zu vergrößern. Irgendwie ein Selbstzweck. Platten kaufen um mit Auflegen Geld zu verdienen um noch mehr Platten kaufen zu können. Klingt irgendwie auch logisch, würde nicht allzu oft der eigentliche Sinn der Abendunterhaltung durch Starallüren ersetzt. Durch aggressive Abgrenzung. Durch Dissing der höchstentwickelten Art.

Erinnere ich mich doch [praktisch als Exkurs] gerade an eine Diskussion mit einem lokalen Programmgestalter (man nennt ihn Booker) (nebenbei auch angeblich immer noch Ethnologiestudent), in der diese Thematik herrlich zur Geltung kam.
Jemand der keine Platten kauft und über p2p-Plattformen Musik bezieht ist kein DJ behauptete der. Heisst: Hat die Legitimität verspielt, sich DJ zu nennen. Verspielt durch den räuberischen Akt des unerlaubten und unbezahlten An-Sich-Reißens der Ware Musik. Gegenargument: Booker wird a) bemustert, d.h. bekommt einen Haufen neue Musik umsonst; b) bekommt ein Gehalt das es zulässt, sich im Monat mehrere Platten zu kaufen. Vielleicht sollte ich hier noch c) nennen, Booker hat scheinbar sämtliche soziale Fertigkeiten verlernt, die mit Respekt und Uneigennützigkeit zu tun haben; vielleicht tut es aber auch nicht wirklich etwas zur Sache. Fassungslosigkeit überschäumte von da an die Diskussion, da sämtliche weiteren Argumente meinerseits ab hier als Unfug und unwissendes Laiengeschwätz abgetan wurden, beispielsweise:

    d) die einbrechenden CD-Verkäufe sind nicht der Piraterie anzulasten, Verkaufsstatistiken der großen 5 Plattenfirmen zeigen dass sich dieser Trend schon seit vor der Pirateriedebatte abzeichnet (z.B. www.ifpi.org). Den damals willkürlich festgelegten Preis von 30 Mark für ein Album hat eben irgendwann keiner mehr eingesehen. Ganz nebenbei verkaufen die meisten Medienriesen urheberrechtlich geschütztes Material und gleichzeitig die Möglichkeit, sich über dieses Urheberrecht hinwegzusetzen (Brenner und Rohlinge), siehe auch hier;

    e) billigere Werbung hat es noch nie gegeben! Mittlerweile haben auch die Großen 5 ihre gierschäumende Wut auf diese Gesetzteslosen gezügelt und ein paar Forschungen gelesen oder beauftragt - siehe da, plötzlich arrangiert man sich mit Plattformen. Und verkauft eben stattdessen Klingeltöne oder verdient durch Werbung auf Seiten, die Privatleute kostenlos mit Inhalt füllen (z.B. myspace oder youtube). Oder ist Rupert Murdoch doch ein recht knuffiger Typ, der nur das Beste für die Musik will?;

    f) die hier als Verbrecher bezeichneten Personen sind nachweisbar oft diejenigen, die viel Energie/Zeit/Kapital investieren, um bestimmte (eher weniger kommerzielle) Bereiche der Musikkultur zu fördern. Diese haben sich mittlerweile in eigenen Netzwerken organisiert, und scheinbar lässt sich damit auch leben (als eines von vielen z.B. das Potato-System - was das mit Kartoffeln zu tun hat weiss ich auch nicht);

    g) das Argument es schade den Künstlern hebelt sich selbst aus: Künstler, die einen Majorvertrag unterschreiben und die Rechte an ihrem künstlerischen Eigentum verkaufen müssen sich im Klaren darüber sein, dass die Promotionmaschinerie das größte Stück vom Kuchen wegschluckt. Der Künstler bekommt sein vertraglich zugesichertes Geld, was an Verlusten entsteht wird auf den Verbraucher umgewälzt oder dadurch wieder eingebracht, dass man Sponsoren ins Boot holt. Und das Rad dreht sich weiter. Lässt sich bestimmt auch empirisch belegen;

    h) die in p2p-Netzwerken Aktiven (damit meine ich aktive Software-Ingenieure aus ideologischen Gründen) zeichnen sich durch ein hohes Maß an Sympathie für kommunitäre Organisation aus und stehen im Internet besonders für OpenSource- und FreeSpeech-Ansätze. Aber auch unter den Nutzern finden sich diese Einstellungen öfter als nicht (Haug & Weber 2002);

Ein anderes Beispiel kenne ich aus einer Programmplanungsgruppe, in der Plattenauflegern der Vorzug gegeben wird, weil es “einfach cooler aussieht”. Mehrere Auflegergruppen spielen grundlegend sehr ähnliche Musikgenres, die einen haben jedoch “nur so alte 7-inches”, was sie einerseits authentischer zu machen scheint, andererseits “müssen die voll die Kohle haben”. Womit wir wieder beim Punkt oben wären. Scheinbar können es sich nur finanziell und anderweitig Privilegierte leisten, sich mit Vinyl am Plattenteller zu präsentieren. Und erscheinen dann umso cooler, je mehr Geld sie monatlich für Platten augeben können. Hier schleichen sich die Nachteile des marktliberalistischen Prinzips im Bereich der Kulturproduktion ein.

Letztendlich kommt es mir in diesen Mikrokreisen ab und zu so vor als ob der Mensch nur soviel wert ist wie das Preisschild an seiner Plattensammlung - die weibliche Form habe ich in diesem Text weggelassen da scheinbar fast ausschließlich Männer diese krankhaften Sammel- und Abgrenzungstriebe auf diese Art ausleben. Extreme Frauen machen das dann vielleicht mit Schuhen wenn ich mal kurz ein Vorurteil heranziehen darf (Woher kam das jetzt? Imelda Marcos?). Also an alle Imeldas unter den Auflegern: Euer Vinyl stinkt.

Literatur:
Haug, S. & Weber, K. 2002. Kaufen, Tauschen, Teilen - Musik im Internet. Frankfurt/M.: Lang

4 Kommentare zu “Vinyl stinkt”

  1. Carsten sagt:

    Mit Vinyl aufzulegen ist also deiner Meinung nach blankes rumgepose? Sicher kann man auch mit MP3s eine super Party machen, aber für mich (und anscheinend immer noch viele andere) spricht einfach zu viel für Vinyl. Wesentlich besserer Sound, viel besseres Handling und die quasi endlose Haltbarkeit des Mediums sind da nur die Gründe, die beim Auflegen den Ausschlag geben. Für den Sammler spielen natürlich auch so Dinge wie schöne Cover eine Rolle.
    Davon abgesehen finde ich die Einstellung ziemlich Banane, sich kostenlos an Musik zu bedienen und dann aber damit Geld verdienen zu wollen. Wenn man mal von den Majors absieht, bekommen das Geld, das man für eine Schallplatte / eine CD / ein Kauf-MP3 ausgibt, nämlich zum Großteil die Musiker und die Leute, die die Musik für einen verfügbar machen. Das hat doch auch was mit Wertschätzung und Respekt zu tun.

  2. jay sagt:

    Sorry dass ich erst jetzt zu einer Antwort komme, viel andres zu tun….
    Der erste Satz meines Beitrags ist nicht meine Aussage, sondern die auf mich übertragene Aussage des Bookers aus dem Text. Der Rest ist größtenteils (wie in der Klammer zu Beginn bemerkt) polemisch formuliert, sonst kommentiert ja eh niemand.
    Was für Vinyl spricht ist noch einiges mehr als du im Kommentar genannt hast, hab mir da extensiv Gedanken drüber gemacht, die du in meiner MA ausgiebig nachlesen kannst.
    http://www.mediascapes.de/betweenthegrooves/indexvinyl.htm
    Finde Platten selbst toll, aber um Vinyl geht es in dem Text eigentlich nur vordergründig.
    Das zur Klärung. Zur Diskussion:
    Habe nie behauptet mit meiner runtergeladenen Musik Geld machen zu wollen. Ich lege zwar auf, aber nicht für DJ-Löhne sondern Aufwandsentschädigungen. Ich brenne zwar CDs für Freunde, verkaufe aber nicht massenhaft Bootlegs.
    Wenn man mal von den Majors absieht bleibt nicht viel übrig vom offiziellen Musikmarkt, womit dein letztes Argument entkräftet wäre. Glücklicherweise ist die Tendenz zu unabhängigen Vertriebsformen deutlich erkennbar steigend, und wie viele Leute ihre Musik “schwarz” verkaufen (über ihre eigenen Homepages, MySpace, etc.) wäre auch mal interessant. In dem letzten Fall ist es auch richtig, daß das Geld direkt an den Künstler geht, aber bei Majors? Da glaubst du ja selbst nicht dran bei der Anzahl von Leuten, die zwischendrin verdienen wollen. Nicht umsonst ist bei den Majors, die zum Zeitpunkt meiner MA etwa 85% des offiziellen Tonträgermarktes dominierten vor ein paar Jahren die Panik ausgebrochen, als die ersten p2p-Ideen in die Tat umgesetzt wurden. Jahrelang hatte man das Internet als unwichtig erachtet, und plötzlich war es der “Tod für die Tonträger und die Künstler”. Was zwischen 2000 und 2004 an Propaganda rausging von deren Seite war echt vielsagend (ganz zu schweigen davon, daß z.B. in den USA Teenager für ein paar Charthits auf der Festplatte verknackt wurden). Künstler die heute noch zu einem Major wollen statt sich unabhängig zu organisieren stehen aus meiner Sicht gesinnungsmäßig im Abseits. Übrigens auch businesstechnisch.
    Alles gerne diskutierbar, sorry dass es solange gedauert hat.

  3. Carsten sagt:

    Ich glaube, so weit sind unsere Ansichten nicht auseinander ;)

    Ich will hier auf keinen Fall die Majors in Schutz nehmen. Die haben einfach massiv die Zeichen der Zeit ignoriert und versuchen nun teilweise immer noch verzweifelt, sich an überholte Businessmodelle zu klammern. Und bekommen dabei dank ihrer starken Lobby und dem Unwissen unserer Politiker auch noch den Rücken gestärkt in Form von gesetzlichen Schnellschüssen. Falls Du es nicht kennst, schau dir mal Lawrence Lessig’s Buch Freie Kultur an, da finden sich jede Menge Beispiele, die zeigen, wie die Industrie auf Biegen und Brechen versucht, sich gegen technologische Neuerungen zu stellen, um ihre Geschäftsmodelle zu retten.

    Mir ging es eigentlich nur darum, dass Musik (zumindest die meiste ;-) ) einen Wert hat, und dass man sie entsprechend bezahlen sollte. Da bei vielen Independent-Labels wirklich die Musik (und nicht die Vermarktbarkeit) als oberstes Kriterium für die Auswahl der Releases gilt, finde ich es auch völlig legitim, für diese Arbeit einen Teil der Einnahmen einzustecken. Dass die Summe, die dann letztendlich an die Künstler geht, bei einem Major um ein vielfaches kleiner sein dürfte, ist klar.

    Über dieses Thema könnte man eine kleine Bibliothek füllen…

  4. Carsten sagt:

    Noch was vergessen: Gibt es deine MA auch als PDF? Ist mir ein bisschen lang, um sie am Bildschirm zu lesen.

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